Bienvenue au jardin

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Hereinspaziert!

Freitag, 12. September 2014

Aus dem Leben einer Aushilfe, Teil 1



Bekenntnisse einer Aushilfe

Das Leben ist hart und Vergnügen ist teuer- deswegen zieht es mich raus aus dem Hörsaal und weg vom Schreibtisch ins richtige, echte Arbeitsleben. Meine Wahl fiel auf eine Bäckerei in Marburg, nachdem ich vorher schon in einem Bonner Gewerbegebiet im selben Bereich tätig war.
Nach und nach wurde mir klar: Ich bin im Irrenhaus.

Der Genau- haben-woller  erfragt detailliert Inhaltstoffe, Gewicht, Herstellungsart/ort/zeit, lässt sich verschiedene Brötchen hochheben und vorzeigen und sucht sich dann nach langem Überlegen das Brötchen ganz hinten links unten aus, denn dieses Brötchen ist sicherlich um Längen besser und schöner als die, an die man besser herankäme.
Genau-haben-Woller kauft ein Kürbiskernbrötchen, zieht es aus der Tüte, betrachtet es empört:
Kunde: "Hören Sie mal… da sind nur 7 Kerne drauf, auf dem Ding, das sie mir da gegeben haben! Schauen Sie mal ganz  genau in die Theke…jaaaa..sehen Sie, auf den anderen sind 9-12 Kerne drauf. Die haben Sie bei mir wohl abgepiddelt, ne?"
Ja, klar, sonst gibt’s in ner Bäckerei auch keine Chance, an etwas essbares zu kommen *mampf*
Folgender Dialog gewinnt seine Komik dadurch, dass er sich jeden Tag mindestens zweimal genau so abspielt:
Kunde: "Kann ich ein Stück Rhabarberkuchen bekommen, das so groß ist wie die Erdbeerschnitten?"
Die jeweilige gepeinigte Verkäuferin: "Nein, aber Sie können einen halben Rhabarberkuchen bekommen."
Kunde: "Nee. Dann will ich Erdbeerkuchen!"
30 Minuten und eine Erdbeerschnitte später:
Kunde: ""Kann ich ein Stück Rhabarberkuchen bekommen, das so groß ist wie die Erdbeerschnitten?"
…..
Dieser Mann widerlegt alles, was man je über das menschliche Lernen heraus gefunden hat…


Natürlich liegen solche abtraumhaften Einkaufserlebnisse nicht immer am Kunden:
Kunde steht vor der Laugentheke, in der mehrere Sorten Laugenstangen/-brötchen/-hörnchen ausliegen.
Kunde: "Ich hätte gerne das Laugenteil!"
Ich: "Welches hätten sie denn gerne?"
Kunde deutet unbestimmt in Richtung Theke: "Ja, das Laugending eben!"
Ich: "Welches denn? Das Hörnchen mit Sesam..?"
Er: "Ich dachte, Sie hätten die Arbeit hier gelernt?!"

Es gibt auch Kunden, die eigentlich wissen, was sie wollen. Wenn da nicht ihr geliebtes Schnuckeltier wäre, was es mindestens genauso gut weiß:
Samstag, 10 Uhr, Laden gerammelt voll:
Kunde: "Ich hätte gerne das Kürbiskernbrot.."
Seine Frau: "Aber, Günther, wir nehmen doch sonst immer das Roggenbrot?!"
Günther: "Aber, Erika, gestern hab ich doch gesagt "Ach Erika, lass uns doch mal was schönes Körniges nehmen"!"
Erika: "Ja, aber denk doch mal an deine Verdauung! Du kriegst doch wieder Dünnschiss´!"
Günther: "Och, Erika! Nun gut, dann nehmen wir also ein schönes Roggen?"
Erika: "Ja...das wird recht sein. Und nächste Woche dann vielleicht etwas milderes?"
Günther: "Ist dir das Roggen zu markant im Geschmack, Liebes?"
Erika: "Nun ja...manchmal.."
Günther: "Also wir können auch das Weiz…?"
Erika: "Günther, nun entscheid dich mal! Das Fräulein wartet!"
Günther: "…also wir nehmen das schöne Roggenbrot, bitte!"
Und der Dialog wiederholt sich so oder so ähnlich jede Woche.


Mit älteren Leuten ist das ohnehin immer so eine Sache.
Kundin: Oh..ich wusste gar nicht, dass Sie 3. Welt Ware führen!
Ich: "…..oh….?" (hätte ja sein können, dass ich es nur nicht mitgekriegt habe)
Kundin: "Ja, da stehts doch!  "Togo"- Kaffee! Machen Sie mir mal gleich  einen Pott Togo-Kaffee zum hiertrinken, bitte!"

Togo-Kaffee ist fast so beliebt wie "Latte Matschatscho"

Es kann auch sein, dass sich ein Kunde (berechtigt oder unberechtigt) um sein gutes Geld betrogen fühlt. Neben endloser Quengelei, dass der Kaffee zu teuer, der Brötchen zu klein, der Käse zu wenig für den Preis sei, finden sich natürlich auch ernstere Vorfälle, die sich durch ein simples, dreimaliges Durchlesen und Durchsprechen der Quittung nicht klären lassen.
Kunde: "Guten Tag, ich hätte gerne Ihren Chef gesprochen"
Ich: "…Guten Tag…der steht neben mir."
Kunde (zu Chef): "Guten Tag…ich habe den Verdacht, dass mich Ihre Mitarbeiten um Geld betrogen hat!"
Chef: "Aha…wie kommen Sie drauf"?
Kunde: " Beim Machen meiner Haushaltskasse ist mir aufgefallen, dass mir letzte Woche zwei Cent fehlten...die wird sich die junge Dame wohl in die eigene Tasche gesteckt haben!"
Chef: "Haben Sie eine Quittung?"
Kunde: "Natürlich nicht!"
Chef nimmt zwei Cent aus der Kasse: "Verlassen Sie mein Geschäft!"

Der nächste Herr hat sich nach ihm geschehenen Unrecht gleich an die Spitze der Hierarchie gewandt, und ein kostenloses Brot zugesprochen bekommen, das er , beseelt von dem Feuer des Gerechten, nun bei mir einfordern wollte.
Kunde: "Ich hätte gerne dieses Dinkel-Vollkornbrot."
Ich: "Das macht 2,50€ , bitte."
Kunde: "……ihr Chef hat mir zugesichert, ich bekäme es gratis!"
Ich: "Sind Sie Herr S.?"
Kunde: "Durchaus, der bin ich. Und ich sage es Ihnen gleich, ich werde wieder nachwiegen! Mich hauen Sie nicht übers Ohr!"
Ich, verwirrt, ahnungslos, unschuldig:"…okay..."
Kunde: "Ja, gucken Sie nicht so. Immer, wenn ich nachwiege, wiegt das Brot weniger als die von Ihnen abgegebene 500g!"
Ich: "Ich bin hier nur Aushilfe, aber Sie können sich bei Problemen gerne an meine Vorgesetzte wenden und…"
Kunde: "ja, ich sags Ihnen ja nur, damit Sies nur wissen. Ich werde es wieder wiegen! Sie dumme Kuh…"

Und weg war er. Ich spiele mit dem Gedanken, ihm in sein nächstes Brot einen formschönen Backstein ein zu backen.

Ich werde weiter sammeln und berichten!

1 Kommentar:

  1. War echt interessant zum lesen. Hast außergewöhnliche Themen :)

    Lots of Love, Dilan from DILANERGUL

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